Der Struwwelpeter: Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 bis 6 Jahren


 
Genausowenig totzukriegen wie Stühle
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Nein, die Höchstwertung muss dem Buch versagt bleiben, dazu ist sein Humor teils zu unfreiwillig und die Sprache teils zu schlecht. "Wenn die Kinder artig sind / kommt zu ihnen das Christkind." Ich hatte als Kind, ob artig oder nicht, überhaupt nicht verstanden, dass das ein Reim sein soll. Mit "...bringt es ihnen Gut's genug / und ein schöne Bilderbuch" dürfte es einem Bayern ebenso schwer fallen. Sprache und Reimerei des Dr. Heinrich Hoffmann sind schon grenzwertig. Wir können uns bei der Geschichte vom bösen Friederich einmal fragen, wie man eigentlich Stühle totschlägt. Und immer dann, wenn dem Dichter nichts mehr einfällt, wiederholt er sich ("bis tief ins große Tintenfass / tunkt sie der große Nikolas"), baut überflüssige Hinweise ein ("Du siehst es hier auf diesem Bild") oder nervt ein Mal mit einem allzu penetranten A-A-A-A-Reim: "Doch bei dem Brünnchen heimlich saß / Des Häschens Kind, der kleine Has. / Der hockte da im grünen Gras; / Dem floß der Kaffee auf die Nas'." (Wobei auch Papa nur ein "HäsCHEN" ist und weiter oben ebenfalls als "der kleine Has" bezeichnet wird - also wer denn nun?)

Und so geht das munter weiter, der Autor ist eindeutig kein Wilhelm Busch. Natürlich sind viele Geschichten tiefschwarze Pädagogik - beim Daumenlutschen werden die Dinger einfach abgeschnitten, und wer nicht isst, wird in fünf Tagen elendiglich verrecken. (Wobei Jörg Michael Günther nicht ganz ohne Berechtigung in der juristischen Satire Der Fall Struwwelpeter einmal die Frage gestellt hat, ob das fortgesetzte Vorsetzen von Einheitsfraß, hier Suppe, eine Mitschuld der Eltern begründet.) Selbst in der auf den ersten Blick ehrenvollen Geschichte gegen den Rassenhass, in der drei Jungs einen "Mohren" auslachen und bestraft werden, wird die vorgebliche Überlegenheit der Weißen nicht infrage gestellt. "Was kann das Mohrenkind dafür / dass es so weiß nicht ist wie ihr?" Ist irgendwie schon übel, schwarz zu sein, aber wenigstens hat der Mohr die A----arte schuldlos gezogen... (um nicht missverstanden zu werden: Diese Haltung vermeine ich beim Autor leicht durchschimmern zu lassen; die meine ist sie nicht!)

Und dennoch: Wir haben es mit einem echten Kultbuch zu tun, aus dem ein Wort wie "Zappelphilipp" sprachliches Gemeingut geworden ist. Wenn ich mit anderen Eltern spreche, die in einer kritischen Grundhaltung als aufgeklärte Pädagogen das Buch aus den Kinderzimmern verbannen, halte ich das für kleinlichen Dogmatismus. Man muss es vielleicht nicht gerade einem ehemaligen Augsburger Bischof in die Hand drücken. Doch anders als bei Watsch'n denke ich: Der Struwwelpeter wird noch keinem geschadet haben. Und wenn doch, dann werden die Eltern das forciert und nicht mit der nötigen Distanz begleitet haben. Distanz heißt nicht unbedingt Fortsetzung des pädagogischen Zeigefingers mit anderen Mitteln und penetrante Betonung der Tatsache, dass das Buch nichts tauge. Distanz heißt hier vor allem: Spaß. Es sind einfach Fantasiegeschichten, die einen gewissen, mitunter trashigen, Charme haben. Als Vater eines nunmehr elfjährigen Sohnes blicke ich einmal zurück auf die Zeit, da der "Struwwelpeter" für ihn noch interessant war. Das fand er einfach lustig - vor allem die Geschichte vom wilden Jägersmann, der zu schusselig im Umgang mit Waffen ist, so dass ein Häschen den Spieß einfach umdreht. Kinder lieben Tiere, und sie lieben es, wenn sie es den Menschen heimzahlen. Wiewohl die Zeichnungen bei wilden Aktionen der Gezeichneten mitunter ein bißchen hölzern wirken - die Figuren selbst sind mit liebenswert-skurrilen Details ausgestattet. Eingebildete Mimik, steife Körperhaltung und Brille des Jägers weisen diesen als etwas karikaturhaften Wichtigtuer aus, dem man es irgendwie gönnt, hereinzufallen. Ob nun beabsichtigt oder nicht, das Buch hat einen hübschen schwarzen Humor, in allen Geschichten bekommt jemand etwas auf den Deckel, und so sind Kinder nun mal (und Erwachsene vielleicht auch): Simple Rachebedürfnisse und Schadenfreude, damit kann man in gewissen Dosen gut leben. Meines Wissens hat sich noch nie jemand beschwert, wenn in Slapstickfilmklassikern immer derjenige ein Brett vor'n Kopf geballert bekommt oder auf der Bananenschale ausrutscht, der es in einem simplifizierten Sinne "verdient". So what? Beim "Struwwelpeter" erwischt es immerhin ab und an diejenigen, bei denen der Autor die schadenfrohen Leser auf seiner Seite hat. Daneben ist das Buch ein hübsch schräges Zeitdokument gewisser Kinder- und Erziehungsideale, nicht nur im Offensichtlichen, nicht nur in den moralinsauren Enden der Geschichten. "Der Kaspar, der war kerngesund / ein dicker Bub und kugelrund" - das war in Zeiten von Mangelwirtschaft verständlich, aber man muss es sich bei der heutigen Diskussion um adipöse bewegungsfaule Kinder einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Nein, der "Struwwelpeter" ist genausowenig totzukriegen, wie man - anders als der böse Friederich - Stühle totschlagen könnte. Die mittlerweile bei den Eltern angekommene kritische Distanz war zwar nötig. Aber mein (sehr subjektiver und laienhafter) Rat an Eltern: Seid locker! Kinder sind heute so klug, dass sie auf die Hoffmann'sche Angstmache nicht hereinfallen! Vertraut Euren Kindern! Und gönnt ihnen den Spaß am "Struwwelpeter", der teils in hübscher Fantasie, teils in skurrilen sprachlichen Ausrutschern des Dr. Heinrich Hoffmann besteht.
Eine Rezension von Tonio Gas >
vom 29. Juni 2010
Kundenrezensionen:
55. Nun kann über das arme Schwein man gern geteilter Meinung sein
54. Genausowenig totzukriegen wie Stühle (die aktuell angezeigte Rezension)
53. KEIN Kinderbuch!
52. Nichts für Kinder!
51. Dieses Buch sollte bei keinem Kind fehlen!
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